Die Moderatorin, Schauspielerin und Autorin Collien Fernandes hat dem Spiegel erzählt, dass ihr Ex-Mann Christian Ulmen ihr gegenüber gestanden hat, sexualisierte, sie erniedrigende Deepfakes mit ihrem Gesicht verbreitet und in ihrem Namen sexualisierte Nachrichten mit Männern ausgetauscht zu haben, viele davon in Fernandes’ Umfeld. Zudem hat sie dem Spiegel Daten und Dokumente vorgelegt, die ihre Vorwürfe untermauern. Auf die Veröffentlichung des Spiegel-Artikels folgte eine große Solidaritätswelle, zu einem erheblichen Teil von Frauen, mit großen Demos in Berlin, Hamburg, Köln und weiteren deutschen Städten. Zum Fall sowie zu den Demos veröffentlichten Medien wie Menschen unzählige Beiträge. In den Kommentarbereichen taucht dabei immer wieder ein Wort auf, das die sexuell motivierte Gewalt an Frauen relativieren soll: „Männerhass“. Mich erinnert dieser Kampfbegriff an die Relativierungsmechanismen bei Rassismus. Daher nehme ich mir jetzt die Zeit, den Nutzern dieses Begriffs in die Eier zu treten.

Bevor ich mich den frauenhasseneden Männern zuwende, möchte ich einen Absatz zum Medienanwalt von Christian Ulmen verlieren. Dem Anwalt wurde eine gewisse moralische Tendenz vorgeworfen, indem ihm seine ehemaligen Klienten aufgezählt wurden. Darunter waren so angenehme Personen wie Till Lindemann. Gern verschwiegen wurden seine Tätigkeiten für Klient*innen wie Sawsan Chebli, Claudia Roth oder Klaus Wowereit. Der Mann ist Rechtsanwalt, sein Job ist das maximale Ausschöpfen der juristischen Grenzen, um der bestmögliche Anwalt für seine*n Klient*in zu sein. Man mag seine Methoden oder Fähigkeiten zweifelhaft finden. Aber er wird von Christian Ulmen bezahlt und tut alles, um seinem Mandanten zu zeigen: Schau her, ich mache alles, was in meiner Macht steht. Das ist sein Job. Rechtsanwält*innen sind nicht verantwortlich für die Taten oder Nichttaten ihrer Klient*innen. Dass jeder Mensch in diesem Land ein Recht auf eine Verteidigung hat, ist nicht diskutabel.

Mit der aktuellen Verteidigungsstrategie, die nicht neu ist, spielt die Kanzlei meiner Meinung nach mit dem Feuer. „Das Opfer unglaubwürdig machen“ ist ein Klassiker, wenn es um Vorwürfe sexuell motivierter Straftaten und männliche Gewalt geht. Bei diesem Fall allerdings dürfte es schwierig werden, mit der Strategie durchzukommen. Der Spiegel ist nicht doof. Bevor so ein brisanter Artikel rausgeht, wird er rechtlich durchgecheckt. „Unwahre Tatsachen“ möchte die Kanzlei erspäht haben, wobei ich mich frage, wie Tatsachen unwahr sein können. Vielleicht so unwahr wie die Lüge der Kanzlei über Collien Fernandes, die diese am 27.03.26 per Pressemitteilung verbreitet hat. So ein Fehltritt hilft nur der Gegenseite vor Gericht. Jedenfalls berichtet der Spiegel von einer E-Mail Ulmens an seinen Anwalt (ob es derselbe Anwalt ist, ist mir unbekannt), in der er alles gesteht. Sollte es diese E-Mail geben, was bisher niemand bestritten hat, wird die Verteidigungsstrategie implodieren. Dass die Kanzlei bewirkt hat, dass jetzt überall „Es gilt die Unschuldsvermutung“ steht, obwohl diese IMMER gilt, erweckt in mir den Eindruck, dass die Verteidigung nicht viel zu bieten hat. Dementiert wurde bisher jedenfalls kein einziger konkreter Vorwurf. Da halte ich mich doch lieber an den Satz, den ich auf vielen Demo-Schildern gelesen habe: Es gilt die Arschlochvermutung.

Solange wir im Patriarchat leben, ist der Mann die Gefahr

Der Satz mit der Unschuldsvermutung soll die Vorwürfe abschwächen und bei den Leser*innen Zweifel säen. In dieselbe Kerbe schlägt der Kampfbegriff „Männerhass“. „Männerhass“ ist genau dasselbe wie „Rassismus gegen Weiße“. Beides existiert nicht. Um den ursprünglichen Vorwurf zu entkräften, wird ein Fantasieproblem erfunden. Geteiltes Problem ist halbes Problem. „Männerhass“ suggeriert, Männer wären gleichermaßen von geschlechtsspezifischer Gewalt betroffen wie Frauen. Zweifel säen, Fragen aufwerfen, relativieren. Dabei herrscht nach wie vor uneingeschränkt das Patriarchat. Wir leben in einer Männerwelt mit Männerstrukturen, einer Männerwirtschaft, einer Männerpolitik, einer Männerjustiz, Männermedien, Männerunterhaltung. Jeder Mensch mit einem Fünkchen Gerechtigkeitssinn sollte das sehen und wütend sein. Aber die meisten Männer genießen das Patriarchat. Es ist ja doch ganz nice, die Beförderung zu bekommen. Oder vom Handwerker als verantwortliche Person angesprochen zu werden. Oder zur Podiumsdiskussion eingeladen zu werden. Und dann kommen so unbequeme Frauen daher und stören dieses Penis-Idyll. Sie machen sichtbar, wie die unfähigsten Männer Karriere machen, während die fähigsten Frauen kleingehalten werden. Sie machen sichtbar, dass Frauen Angst um ihr Leben haben müssen, wenn sie abends von der Haltestelle nach Hause laufen, zum Date gehen oder sich trennen. Wem da angesichts der Ungerechtigkeit nicht der Kragen platzt, ist Mittäter. Mindestens.

Was als „Männerhass“ bezeichnet wird, ist Hass aufs Patriarchat, also auf Unrecht. Frauenhass dagegen ist Hass auf Frauen. Ähnliches Wort, am Ende aber moralisch das komplette Gegenteil. Der Begriff „Männerhass“ wurde von frauenhassenden Männern erfunden, um den realen, lebensgefährlichen Frauenhass zu relativieren. Und wer Frauenhass relativiert, macht sich in meinen Augen nicht nur mitschuldig, sondern auch verdächtig. Deshalb bin ich strikt dagegen, mit Männern zu diskutieren, die ihren Frauenhass in den Kommentarbereichen ausleben. Zu diesen Männern gehören auch jene, die unter Berichten über Gewalt gegen Frauen zuerst an das Wohl des Tatverdächtigen denken. Die schreiben dann gern über die Unschuldsvermutung. Was sie damit sagen wollen: Wir sind Männer, uns kann niemand was, Frauen sollen gefälligst die Fresse halten. Meiner Meinung nach gehören solche Kommentare gelöscht und die Männer gleich mit. Und ich meine nicht deren Accounts oder sowas.