Rassismus, Sexismus, Ableismus. Diskriminierendes Verhalten ist allgegenwärtig. Einer der Gründe: die mangelhafte Selbstreflexion privilegierter Menschen. Das Spektrum reicht von AfD-Wähler*innen, die vehement bestreiten, Rassist*innen zu sein, bis zu Menschen in sozialen Netzwerken, die wortreich und dramatisch erklären, aufgrund welcher gesundheitlichen Probleme sie auf Alt-Texte verzichten. Auf der anderen Seite stehen mehr oder weniger geduldige Menschen, die auf das Fehlverhalten hinweisen und Hass, Spott oder äußerst dumme Gegenfragen ernten. Soll man deshalb den Mund halten und Diskriminierung gewähren lassen?

Neulich hat mir jemand erzählt, dass ihre Kolleg*innen einer Medienredaktion eine rassistische Idee für einen Beitrag diskutiert haben. Als darauf hingewiesen wurde, dass die Idee rassistisch ist, begannen die Kolleg*innen, sich an der Hinweisgeberin abzuarbeiten. Aus eigener Erfahrung muss ich bestätigen: Das Verhalten ist absolut typisch. Noch nie habe ich erlebt, dass eine Person ihr Fehlverhalten zugibt und reflektiert. Die meisten waren bzw. sind beleidigt, obwohl sie die Täter*innen sind. Eine ehemalige Freundin soll sogar davon gesprochen haben, mich anzuzeigen, sollte ich hier erkennbar über sie schreiben. Da frage ich mich doch ernsthaft, wie man so abdriften kann.

Die wenigsten Privilegierten sind sich ihrer Privilegien bewusst. Beispielsweise die jammernden Erben, die über hohe Abgaben und bürokratische Hürden lamentieren und vergessen, dass andere gar nichts fürs Nichtstun bekommen (was normal sein sollte, übrigens). Oder Auswandernde, die sich vor der Kamera darüber beschweren, dass die Angestellten in spanischen Ämtern kein Deutsch sprechen. Und ich? Ich meckere über die mittelmäßige Gemüseauswahl im Supermarkt, während vor dem Markt eine wohnungslose Person sitzt und bettelt.

Wir haben als Gesellschaft verlernt, Verantwortung zu übernehmen

Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Privilegierte müssen weder alles wissen noch alles richtig machen. Wir haben alle unsere Unzulänglichkeiten, ungeschickten Momente und verbalen Ausfälle. Entscheidend ist, ob man reif genug ist, die Verantwortung dafür zu übernehmen. Ich selbst war früher kaum kritikfähig. So habe ich auch konstruktive Kritik oft als persönlichen Angriff interpretiert. Das kam natürlich daher, dass ich als asiatisches Kind häufig persönlich angegriffen wurde. Meine reflexartige Abwehr jeglicher Kritik war nur ein Teil meiner Überlebensstrategie. Mittlerweile höre ich erst einmal zu und denke über das Gesagte nach. Das können die meisten Menschen nicht.

Die meisten Menschen sind darauf konditioniert, sofort eine Antwort zu geben. Wer zu lang nachdenkt, gilt gleich als langsam im Kopf, als begriffsstutzig. Dabei ist das Gegenteil der Fall: So gut wie niemand gibt sofort die beste, klügste Antwort auf eine Aussage. Die meisten Personen auf dieser Welt sind dafür nicht intelligent und schlagfertig genug. Und das ist keine Beleidigung, sondern eine äußerst langweilige Tatsache. Jeder Mensch sollte erst einmal nachdenken, bevor er antwortet. Und jeder Mensch sollte anderen die notwendige Bedenkzeit einräumen. Vorausgesetzt, man möchte sich nicht nur auskotzen, sondern ergebnisorientiert austauschen. Diese Unart, auf alles und jeden sofort zu reagieren, hat unsere Kommunikationskultur und unser Miteinander an den Rand des Abgrunds geführt.

Tipp 1: Die Vergangenheit bezahlt dich nicht, also lass sie los

Viele Kreative, die ihren Agenturjob verloren haben, schauen sich anschließend in derselben Branche nach einem neuen Agenturjob um. Die Texterin sucht eine Stelle als Texterin. Der Grafikdesigner sucht nach einer Stelle als Grafikdesigner. Das ist ein bisschen so, als würde ich nach einer Flutkatastrophe meine Nachbarschaft nach einer trockenen Bleibe abklappern, weil bei mir zu Hause das Wasser im Wohnzimmer steht. Überall werden Kreativjobs gestrichen. Deshalb ist der Arbeitsmarkt aktuell voller kreativer Überflieger*innen. Du prügelst dich also mit lauter stärkeren Geschwistern um ein winziges Stück Schokolade, wenn überhaupt. Lass es bleiben. Statt nur zu schauen, was du bisher beruflich gemacht hast, solltest du dich fragen: Was kann ich alles – und was könnte ich noch lernen? Anschließend kannst du dich für eine gewisse Zeit als Freiberufler*in durchschlagen und in dieser Zeit neue Fähigkeiten aneignen.

Was bedeutet das konkret? Beispielsweise bist du Grafikerin, fit in Illustrator, InDesign und Photoshop. Du siehst eine ausgeschriebene Stelle als Frontend-Entwickler*in mit Erfahrung in Corporate Design und ggfs. weiteren Grafikdisziplinen. Wenn du dich jetzt bewirbst, wirst du abgelehnt, da du null Frontend-Developing-Erfahrung mitbringst. Bist du allerdings als freie Grafikerin unterwegs und merkst, dass dein Kunde für ein bestimmtes Produkt eine Landingpage benötigt, könntest du anbieten, das Frontend-Design zu übernehmen. Schaff dir die Skills mit YouTube-Tutorials oder einem Webinar drauf, biete deinem Kunden das Ganze für einen schmalen Taler an, bastle ohne zu viel Druck eine echte Landingpage und lern dabei, wie so etwas grundsätzlich funktioniert. Das funktioniert übrigens mit jeder Disziplin, ob Social Media, 3D-Entwicklung, Animation oder Fotografie. Eigne dir so viele Skills wie möglich an, lass dir die Lernphase bezahlen und halte ggfs. bei deinen Kund*innen nach offenen Stellen Ausschau. Unternehmen, die dich kennen und zu schätzen wissen, möchten dich vielleicht auch Vollzeit beschäftigen.

Nur weil sich alle anbrüllen, musst du nicht mitbrüllen

Die sogenannten sozialen Netzwerke sind mittlerweile Höllenlöcher. Nahezu jedes Streitgespräch und jede Diskussion eskaliert. Menschen bewerfen sich mit Scheinargumenten und hören sich gegenseitig nicht mehr zu. Es findet kein Austausch mehr statt, sondern nur noch Lärmerzeugung. Wer lauter und länger brüllt, fühlt sich am Ende als Gewinner*in. Die Kolleg*innen mit der rassistischen Idee hätten nur ein paar Sekunden innehalten und nachdenken müssen, um zu erkennen, dass die genannten Kritikpunkte gerechtfertigt sind. Stattdessen haben sie lieber die Person angegriffen, die lediglich angemerkt hat, dass die rote Ampel rot ist. Sofort wird losgebrüllt, die Ampel sei ja gar nicht wirklich rot, wenn man mal ganz genau hinschaut. Und Tomaten seien doch auch rot, soll man jetzt bei jeder Tomate anhalten? So argumentieren Konservative, aber doch keine aufgeklärten Menschen.

Wenn ich von solchen Vorfällen höre, frage ich mich, was mit diesen Leuten nicht stimmt. Und überlege, wie ich in der Situation reagiert hätte. Früher habe ich es regelmäßig mit Argumenten versucht, etwa bei besagter ehemaliger Freundin. Ich habe es ihr dermaßen einfach erklärt, ein durchschnittliches vierjähriges Kind hätte es kapiert. Vergeblich. Mittlerweile lasse ich es sein, dummen Menschen zu viel Zeit zu widmen. Jeder Mensch hat das Recht, dumm zu bleiben, solange er mich damit in Ruhe lässt. Es ist nicht meine Aufgabe als nicht-weiße Person, Weißen Rassismus zu erklären. Bildet euch gefälligst selbst oder nehmt die Backpfeifen hin, die ihr für eure rassistischen Aussagen kassiert. So einfach ist das.

Erlaube ihnen nicht, mit ihrer Dummheit deine Lebenszeit zu verbrennen

Mindestens genauso wichtig: Ich muss mich nicht volllabern lassen. Wenn ein paar Weiße meinen, die Ampel sei doch irgendwie grün, dann sollen die halt losfahren und sich den Hals brechen. Fahrt, verreckt, aber labert mich nicht voll. Hört auf, die Lebenszeit anderer Leute mit eurer Verlierermeinung zu beanspruchen.

Jetzt kennst du meine zwei Grundregeln, wenn es um unbelehrbare Privilegierte geht:

  1. Unterbinde jegliche Gegenreden. Dein Hinweis muss reichen. Diskutiere nicht, wiederhole dich nicht, verlasse notfalls den Raum. Falls erforderlich, weise die Täter*innen darauf hin, dass du nicht für ihr Wissen verantwortlich bist. Educate yourself, Ende der Durchsage.
  2. Unterbinde jegliche Rechtfertigungen. Lass dich nicht zur Ansprechperson für deinen Hinweis machen. Die Täter*innen müssen nichts mit dir ausmachen, sondern mit sich selbst. Du hast nur eine Information geteilt – diese Information kommt nur von dir, sie ist aber nicht von dir.