40-Stunden-Woche, 35-Stunden-Woche, Teilzeit. Überstunden, Überstundenausgleich, pünktlich kommen, pünktlich gehen. Die Deutschen sind besessen von Arbeitsstunden. Alle paar Monate fordert irgendein Wirtschaftsverband, irgendein Parteiflügel oder irgendein Milliardär, dass alle Arbeitnehmer*innen in Deutschland länger arbeiten sollen. Neuerdings argumentiert der Wirtschaftsflügel der CDU (gibt’s irgendeine schlimmere Interessensgruppe?) mit Fachkräftemangel. Also mit dem Mangel, den sie selbst mit allen Kräften forciert hat – durch mangelhafte Kinderbetreuung, Diskriminierung der Frauen, Behinderung von Migration und massiven Versäumnissen bei Bildung und Kultur. Doch woher kommt dieser Arbeitsstunden-Fanatismus? Und wie können wir diesen überwinden?
Länger ist besser. In männlich dominierten Gruppen wie Vorständen, Wirtschaftsverbänden und der CDU denken viele so. Je länger die Arbeitnehmer*innen ackern, desto reicher werden die Reichen. Mittlerweile sollte wirklich jeder einigermaßen informierte Mensch wissen, dass reiche Menschen nicht von allein oder durch Fleiß reich werden, sondern durch direkte oder indirekte Ausbeutung. Mehrarbeit hilft also ausschließlich den Reichen. Das ist allerdings nicht der einzige Haken. Viele Führungspersonen kennen den Unterschied zwischen Arbeitszeit und Produktivität nicht. Kein Problem, ich helfe gern.
Meine Frau und ich haben mal das Hamburger Umzugsunternehmen Alster-Umzüge beauftragt, unser Zeug von A nach B zu karren. Abgerechnet werden sollte nach Zeit. Mein weiser Rat: Geh niemals auf so einen Deal ein. Denn wer nach Zeit bezahlt wird, lässt sich Zeit. So wurden ständig „versehentlich“ Kisten in den Keller getragen, die nach oben sollten, und andersherum. Werkzeuge wurden „vergessen“ oder waren einfach weg, die Jungs „wussten nicht mehr“, wie man ein Bücherregal wieder aufbaut, und so weiter. Hier gibt es die ganze Geschichte dazu; gern ein Like dranhängen, denn der Laden lässt gern kritische Rezensionen löschen.
Zwei Stunden rumsitzen zählt mehr als zehn Minuten produktiv arbeiten
Im Jahre 2026 haben viele deutsche Vorstände immer noch nicht verstanden, dass es nicht darum geht, wie lang ein*e Mitarbeiter*in am Schreibtisch sitzt. Die Idee der Bezahlung nach Arbeitsstunden stammt aus einer Zeit, als Mitarbeitende unter Aufsicht überwiegend wieder und wieder die gleichen Tätigkeiten ausgeübt haben. Die Unternehmen wussten, wie viel eine Person durchschnittlich pro Stunde leistet. Heute sieht das Ganze völlig anders aus. Wir leben und arbeiten in einer hochkomplexen Welt. Eine Arbeitsstunde kann je nach Position, Person, Fähigkeiten und Umständen völlig unterschiedlich ablaufen. Menschen an die Arbeitsplätze zu zwingen, damit ein paar Bürostühle länger warmgehalten werden, ist nicht produktiv, sondern naiv.
Nur auf Arbeitsstunden und Arbeitszeiten zu schauen und immer mehr zu fordern, statt die Produktivität zu priorisieren und die eigenen Prozesse zu optimieren, ist völlig überholt. Und faul. Natürlich kann man als reicher Mensch jammern, dass die Leute sich nicht mehr so bereitwillig ausbeuten lassen wie früher. Nur sollten alle anderen dann einfach weghören, statt den menschenverachtenden Müll zu reproduzieren und darüber zu sprechen, als gäbe es ein Thema.

