Viele von uns verbrennen einen erheblichen Teil unserer Lebenszeit auf sozialen Netzwerken. Einer der Hauptgründe: Algorithmen, die provozierende Kommentare bevorzugen. Die anständige Mehrheit wird mit bodenlosen Meinungen von Abtreibungsgegnern, Homöopathie-Fans und Rassist*innen bombardiert und fühlt sich genötigt, Letzteren zu widersprechen. Was im wahren Leben lobenswert und notwendig ist, führt in sozialen Netzwerken dazu, dass Hass mit Reichweite belohnt wird. Dadurch werden die Provozierenden umso stärker motiviert, noch kontroversere Meinungen ins Internet zu schreiben. Jede unwichtige Einzelmeinung wird heute mit einer zerstörerischen Kraft ausgestattet, die in keinem Verhältnis zum Ursprung steht. Es wird höchste Zeit, dass sich die Gesellschaft wieder an eine vergessen geratene Tatsache erinnert: Behalte deine wertlose Drecksmeinung gefälligst für dich.
In den vergangenen Jahren sind die Auseinandersetzungen im Internet immer weiter eskaliert, besonders in sozialen Netzwerken und in den Kommentarspalten der Nachrichtenseiten. Von den Betreibenden der Netzwerke ist das so gewollt. Meta, TikTok und Microsoft pushen bewusst die provokantesten und ekelhaftesten Kommentare an die oberste Stelle des Kommentarbereichs. So werden andere Nutzer*innen provoziert, etwas zu schreiben. Geht es im Beitrag um eine Frau, werden sexistische Kommentare zuerst angezeigt. Geht es um Kriminalität, pusht der Algorithmus rassistische Kommentare. Meta schützt Hetzer*innen ganz bewusst, da diese besonders viel Traffic und Verweildauer generieren. TikTok löscht Kommentare wie „Nazis raus!“ und droht mit Account-Sperrung. Hass ist schlecht für die Menschheit, aber gut fürs Geschäft.
Als Fachperson für Kommunikation beobachte ich das Treiben seit vielen Jahren. Dabei ist mir aufgefallen, dass die Verteidiger*innen des Hassgeschäfts immer wieder das Wort „Meinung“ als Waffe einsetzen. Eigentlich ist eine Meinung ein unwichtiges Nice-to-have. Sie muss weder bewiesen noch widerlegt sein, um zu existieren. Jede*r kann eine haben, ohne groß über eine Sache nachzudenken. Ich kann eine wissenschaftliche Abhandlung lesen, in der jeder aufgeführte Punkt erläutert und belegt wird, und trotzdem meinen: alles Quatsch. Trotzdem hat die Meinung heute ein enormes Gewicht, ähnlich wie die Begriffe Demokratie oder Gleichstellung. Aber warum eigentlich?
Alle kotzen auf die Straße und denken, es wäre Pflastermalerei
Was jetzt folgt, ist eine Meinung. Immerhin die eines Fachmanns. Vor dem digitalen Zeitalter gab es nicht viele Möglichkeiten, die eigene Meinung überregional zu verbreiten. Gatekeeper wie Medienhäuser, Verlage und Rundfunkanstalten hinderten uns daran, unser unqualifiziertes Geblubber in die Welt zu posaunen. Das alles änderte sich mit dem Aufkommen des Internets. Durch eigene Websites und Blogs, privat betriebene Foren und Communitys wurden neue Öffentlichkeiten geschaffen. Plötzlich gab es fremde Menschen, die an meiner Meinung interessiert waren. Schritt für Schritt gewöhnten sich die Menschen dran, ihre Meinungen auszutauschen.
Während meiner Studienzeit begann die BILD, mit dem Claim „Bild dir deine Meinung“ zu arbeiten. Viele Werber*innen haben ihn abgefeiert, ohne über die Bedeutung des Satzes und dessen Konsequenzen nachzudenken. Der Claim war die Bankrotterklärung der BILD an die Wahrheit und der Abschiedsgruß an jeden journalistischen Anspruch. Die Meinung wurde auf die gleiche Stufe erhoben wie Fakten, Wissen und Tatsachen. Einfach so. Fakten sind Fakten. Aber für BILD-Leser*innen gab es plötzlich einen Ausweg: die Meinung. „Bild dir deine Meinung“ ist der Nährboden für Verschwörungstheorien, Corona-Leugner*innen, rechte Bauerndemos und schlecht organisierte Walrettungsversuche.
Die Meinung gehört entwertet
Damit muss Schluss sein. Die Meinung sollte wieder so behandelt werden wie das eine seltsame Haar, das irgendwo am Körper wächst, wo es nicht hingehört: Es darf da sein, muss aber weder ständig thematisiert noch extra frisiert und betont werden. Die Kommentarbereiche der Nachrichtenportale gehören geschlossen. Soziale Netzwerke müssen gesetzlich dazu gezwungen werden, ihren Nutzer*innen weitreichende Kontrolle über die Kommentarbereiche ihrer Posts zu gewähren. Bei unzureichender Moderation und Missachtung von Gesetzen müssen enorme Geldstrafen bis hin zu Sperrungen von Diensten folgen. Plattformen, die sich an deutsche Nutzer*innen wenden, müssen deutschen Gesetzen folgen oder technisch ausgeschlossen werden, soweit es geht.
Statt ein Social-Media-Verbot für Jugendliche zu diskutieren, sollte die Bundesregierung mal drüber nachdenken, das Internet für alle Menschen sicherer zu machen. Aber bei den beängstigend rückständigen Dinosauriern, die da sitzen, bin ich nicht besonders optimistisch.

