Deutsche haben den Holocaust gestartet. Der industriell organisierte Genozid, in einer beispiellosen Dimension von deutschen Köpfen geplant und von der deutschen Bevölkerung mindestens geduldet, in weiten Teilen mitgetragen, ist ein deutsches Verbrechen. Ich schreibe das, weil es hilft, die Absurdität der deutschen Arroganz gegenüber der Welt zu verdeutlichen. Heute führen sich die Deutschen auf, als hätten sie die Menschenrechte erfunden. Im selbstgefälligen Stechschritt marschieren sie von A nach B und von B nach C, um den Völkern der Welt zu erklären, wie sie sich zu benehmen haben. Und was deutsche Politiker*innen können, können deutsche Bürger*innen schon lange. Immer wieder wurde und werde ich von weißen Deutschen belehrt, was rassistisch sei und was nicht. Das mag absurd klingen, ist aber das absehbare Resultat eines privilegierten, widerstandsarmen Lebens.
Vor ein paar Tagen hatte ich unter einem Social-Media-Beitrag von mir eine Auseinandersetzung mit einem Nutzer. In meinem Beitrag ging es nicht um Rassismus, sondern um einen LinkedIn-Beitrag einer HR-Verantwortlichen über eine Bewerberin. Besagter Nutzer, kein Follower von mir, kommentierte in zwei Teilen:
- Er widersprach mir, ohne seine Position zu begründen.
- Er kritisierte die Verwendung des Wortes „abartig“ als diskriminierend.
Zu 1: Mein Beitrag hat keine Meinung wiedergegeben, sondern einen Fakt. Dem hat der Mann mit einem Gefühl geantwortet. Das ist respektlos. Zu 2: Das Wort „abartig“ ist nur im Zusammenhang mit einem Menschen diskriminierend, mit Gegenständen oder Situationen nicht. Auch das ist einfach ein Fakt.
Statt ihn zu blockieren, wie er es verdient hätte, habe ich ihm mit einem Link zur Erklärung des Wortes geantwortet. Erwartungsgemäß hat er sich weder den Link angeschaut noch entschuldigt, sondern angefangen, mich als kritikunfähig zu beschimpfen. Ich sei nur auf Mitklatscher aus und er sei keiner. Anschließend entzog er sich dem Austausch, indem er meine Wortwahl als Ausrede nutzte. Eine gängige Fluchttaktik von Konservativen: Wenn du in der Sache keine Chance hast, zünde eine Nebelkerze und verschwinde. Seine Antwort beendete er mit einem Kuss-Emoji, was übrigens auf eine ganz eigene Weise problematisch ist. Es soll Überlegenheit und Souveränität zeigen und die angesprochene Person auf eine körperlich übergriffige Art abwerten. Denn eine Person, mit der man sich gerade streitet, möchte keinen Kuss. Dieses typisch männliche Verhalten, sexuell übergriffige Sprache oder Symbole einzusetzen, kann in digitalen Auseinandersetzungen immer wieder beobachtet werden.
Bis 2022 war ich mehr als zehn Jahre auf Twitter unterwegs. In dieser Zeit habe ich allerlei Attacken, Beleidigungen und Drohungen erlebt. Bevor ich jemanden auseinandernehme, schaue ich mir das Profil dieser Person an. Manchmal erkenne ich Menschen, die sich einfach verrant haben, im Großen und Ganzen aber in Ordnung zu sein scheinen. In solchen Fällen lasse ich es gut sein, schalte den Account stumm und fertig. Bei unserem aktuellen Freund stand allerdings im Profil, er sei ein „Linkslurch“. Außerdem war er erkennbar weiß, was mich nicht überrascht hat. Ein weißer Linker also, der eine migrantische Person whitesplaint und dann beschimpft, weil diese sich mit der deutschen Sprache besser auskennt. Bei der Gelegenheit erkläre ich kurz, wieso es sich um Whitesplaining handelt. Es hat etwas mit der Unterstellung zu tun, ich als nichtweiße Person würde auf einer öffentlichen Plattform nur „Mitklatscher“ suchen.
Viele Möchtegern-Antifas kämpfen nicht für uns, sondern für sich
Viele weiße Antifaschist*innen denken, dass sie krass mutig sind, weil sie in der Schule ein WIZO-Shirt getragen, sich das Haar bunt gefärbt und einen Anti-Nazi-Aufnäher am Rucksack angepinnt haben. Vielleicht hat dieser Mann, der da meinen Beitrag kommentiert hat, andere linke Klischees erfüllt, vielleicht auch nicht. In jedem Fall hat er keinen blassen Schimmer davon, wie es ist, als migrantische Person in Deutschland aufzuwachsen und zu leben. Wie es ist, als Nichtweißer aus dem Haus zu gehen und jederzeit mit einem übergriffigen Kommentar rechnen zu müssen, mit Ausgrenzungen, Benachteiligungen, Ignoranz, in weiten Teilen des Landes sogar mit einem körperlichen Angriff. Dieser Möchtegern-Antifaschist hat in seinem Leben nicht annähernd die Hindernisse überwinden müssen, die Nichtweiße täglich überwinden müssen. Er hat nicht die leiseste Ahnung davon, was ich erlebt und überlebt habe, um mich heute zu trauen, als nichtweiße Person in diesem sozialen Netzwerk wahrnehmbar und unter meinem echten Namen meine Beiträge zu posten. Wie links kann ein Mensch sein, der bei der ersten mittelmäßig intensiven Auseinandersetzung mit einem Rassismusopfer diesen whitesplaint? Wie könnte ich mich bei einer erneuten Machtergreifung der Nazis auf so einen Menschen verlassen?
Leider ist dieser Mann nicht der einzige, der sich so verhält und gleichzeitig selbst als links bezeichnet. Beispielsweise war ich vor vielen Jahren auf einer Anti-Nazi-Demo in Dortmund. Als wir schließlich den Nazis gegenübergestanden haben, haben wir sie erwartungsgemäß beschimpft. Ein weißer Mitdemonstrant hatte aber nichts Besseres zu tun als mir zu erklären, welche Schimpfwörter ich benutzen dürfe und welche nicht. Ich war fassungslos. Dabei geht es nicht darum, problematische Schimpfwörter gut zu finden. Der Punkt ist, auf einer Anti-Nazi-Demo einem Nazipulk gegenüberzustehen und in dem Moment lieber den Migrantensohn zu belästigen als sich um die Nazis zu kümmern. Das ist die bittere Realität, mit der wir Nichtweißen leben müssen. Vielen dieser Möchtegern-Antifas geht es nicht um uns, sondern um sich. Dazu zähle ich auch den einen Typen, den ich auf einem Musikfestival getroffen habe. Ich kannte ihn nicht, er stand einfach neben mir am Getränkestand und hat mir „aus Spaß“ einen rassistischen Spruch gedrückt. Er hat gar nicht verstanden, wieso meine Begleitpersonen und ich ihm aufs Maul geben wollten.
Falsche Allys lauern überall
Besonders schwierig ist der Umgang mit solchen Leuten im Arbeitsumfeld. Privat kann ich recht flexibel reagieren und auch mal den Bogen überspannen. Beruflich bestehen natürlich gewisse Abhängigkeiten und Interessenskonflikte. So bin ich vor einigen Jahren mit einem weißen deutschen Freelancer-Kollegen aneinandergeraten, der sich selbst als sehr links und woke sieht. Und zwar so sehr, dass er glaubt, in Sachen Rassismus und Sexismus ausgelernt zu haben. Sobald man ihn auf problematische oder ignorante Aussagen aufmerksam gemacht hat, hat er sich persönlich angegriffen gefühlt. Als ich einmal an anderer Stelle eine Kollegin gebeten habe, bei unseren Social-Media-Posts sorgfältiger auf die Rechtschreibung zu achten, hat der besagte Kollege die Gelegenheit genutzt, mir Rassismus vorzuwerfen. Der Grund: Die Kollegin ist nicht in Deutschland aufgewachsen, daher hätte ich ihre Rechtschreibung nicht kritisieren dürfen. Ich habe mir das alles nicht ausgedacht. Der weiße Deutsche hat dem asiatischen Kollegen Rassismus vorgeworfen, weil der eine Kollegin gebeten hat, bei Social-Media-Posts des gemeinsamen Auftraggebers sorgfältiger auf die Rechtschreibung zu achten. Es muss schön sein, fernab jeder Unbequemlichkeit in einer privilegierten Marshmallowwelt aufgewachsen zu sein.
Ich verstehe durchaus, woher der fehlende Lernwille kommt. Weitgehend gesunde, nicht behinderte weiße deutsche Männer sind überprivilegiert. Verglichen mit der restlichen Menschheit mussten sie in ihrem Leben so gut wie nie wirklich für etwas kämpfen. Sie werden gehört, gesehen, belohnt, befördert. Ob Medizin, Recht oder Wirtschaft, die ganze Welt ist für sie gemacht. Niemand von ihnen müsste sich als Aktivist betätigen. Niemand von ihnen müsste auf eine Demo gehen oder sich im Internet für Benachteiligte einsetzen. Aber einige tun es. Einige tun sich diese Unbequemlichkeit an. Und dann kommen so Leute wie ich und sind nicht einfach bedingungslos dankbar, sondern kritisieren die Dinge, die zu kritisieren sind. Schon fühlen sich viele weiße Linke wie Väter, die sich einmal in der Woche um ihre Kinder kümmern und kritisiert werden, dass sie sich nicht öfter um ihre Kinder kümmern. Sie denken: „Moooment mal, ich kümmere mich doch schon VIEL MEHR um meine Kinder als die Väter, die sich GAR NICHT um ihre Kinder kümmern!“
Am Ende des Tages zählt nicht, was ein Mann in sein Profil geschrieben hat. Es zählt, wie er sich verhält. Ein Mann ist nicht links, nur weil er sich als „Linkslurch“ bezeichnet. Solange er migrantischen Personen ihren Lebensweg und ihre Lebensrealität abspricht, sie übergriffig herabwürdigt und beleidigt, ist er ein Linker unter falscher Flagge. Einer, der nicht für andere Menschen oder eine gerechte Welt kämpft, sondern einzig und allein für sich.

